Unfall mit Ansage

Seit dem Dammbruch in einer Mine des brasilianischen Rohstoffkonzerns Vale steht das Unternehmen im Fokus der Öffentlichkeit. Für Nachhaltigkeitsfonds von Union Investment war Vale aufgrund früherer ähnlicher Vorfälle bereits gesperrt. Nachdem auch die Engagement-Dialoge keinerlei Signale der Verbesserung mit sich brachten, wurde der Emittent auf die unionweite Ausschluss-Liste gesetzt. Vale ist damit in allen Produkten ausgeschlossen, die aktiv von Union Investment gemanagt werden.

Die Katastrophe ereignete sich am 25. Januar unweit der brasilianischen Kleinstadt Brumadinho. Der Staudamm eines Rückhaltebeckens in der Eisenerzmine „Corrego do Feijao“ brach. Zwölf Millionen Kubikmeter giftiger Schlamm flossen talwärts und begruben die Landschaft und – tragischerweise – auch eine Kantine der Minenbetreibergesellschaft Vale unter sich. Die Zahl der Todesopfer sollte in den darauffolgenden Tagen immer weiter steigen. Der jüngste Sachstand: Mindestens 200 Menschen verloren ihr Leben, etwa 100 weitere werden noch vermisst. Ob sie unter den Schlammlasten jemals gefunden werden, ist unklar.

Ungeachtet der menschlichen Tragödie reagierten auch die Kapitalmärkte heftig. Am nächsten Handelstag büßte die Aktie rund ein Fünftel ihres Wertes ein, 13 Milliarden Euro Börsenwert wurden vernichtet. Die Regierung fror Konten des Unternehmens ein, um Mittel für mögliche Schadenersatzforderung sicherzustellen. Etwaige Schuldfragen waren da noch nicht geklärt. Sicher schien nur, dass der Damm wenige Monate zuvor vom TÜV SÜD überprüft wurde und auch interne Verfahren, wie es zunächst hieß, keine tiefgreifenden Beanstandungen ergaben. Ob eine grobe Fahrlässigkeit seitens Vale vorliegt, ist also nach wie vor unklar, hier müssen abschließende Untersuchungen abgewartet werden. Zuletzt häuften sich die Hinweise, dass Vale entgegen ursprünglicher Beteuerungen schon vor dem Unfall über etwaige Mängel am Damm informiert gewesen sein könnte.

ESG Committee tagte ad hoc

Gleich nach Bekanntwerden des Dammbruch in Brumadinho traf bei Union Investment das ESG Committee zu einer Ad-hoc-Sitzung zusammen, um den Fall zu prüfen. Erstes Fazit: In den nachhaltigen Fonds befanden sich keinerlei Wertpapiere von Vale, weil das Unternehmen seit mehreren Jahren für diese Portfolios ausgeschlossen war. Die konventionellen Fonds hielten vergleichsweise geringe Bestände, unter anderem, weil der niedrige ESG-Score des Unternehmens auch den fundamental aufgestellten Teams als Warnsignal galt. Bis heute ist die Frage einer etwaigen Fahrlässigkeit nicht abschließend geklärt. Nichtsdestotrotz wurde zunächst der Kontakt zum Unternehmen gesucht, um festzustellen, wie sich solche Fehler in Zukunft vermeiden lassen und wie der Minenbetreiber das Vertrauen der Anleger für sich zurückgewinnen will.

Dass der Emittent für die Nachhaltigkeitsfonds gesperrt war, ist seiner unrühmlichen Historie geschuldet. Bereits im November 2015 erlitt eine Anlage von Vale einen Dammbruch, seinerzeit in der Mine Mariana. Damals waren 19 Todesfälle zu beklagen, der Kursverfall war beträchtlich, die Mine ist bis heute geschlossen. Der Dammbruch hatte schwere Umweltschäden zur Folge, so dass unter anderem ein komplettes Dorf umgesiedelt werden musste.

Probleme nicht ernst genommen

Der Kontakt zum Unternehmen hatte die Fondsmanager seither nicht davon überzeugt, dass vergleichbare Unfälle bei Vale nicht mehr vorkommen sollten – zurecht, wie sich im Januar folgenschwer und tragischerweise gezeigt hat. Vale hatte stets betont, dass der Dammbruch 2015 in einer Mine vorgefallen war, die als Joint Venture mit einem anderen Konzern, konkret mit BHP Billiton, betrieben wurde, sodass die Kontrolle der Anlagen nicht allein in der Hand der Brasilianer gelegen hatte. Jennifer Paffen, ESG-Analystin bei Union Investment, hatte 2018 Kontakt zum Management von Vale: „Im Gespräch konnten mir die Unternehmensvertreter keine konkreten Maßnahmen nennen, welche derartige Schadensfälle künftig zu verhindern helfen würden.“ So habe es keine glaubwürdigen Aussagen zu systemischen Anpassungen im Risikomanagement gegeben. Vielmehr seien die Unternehmenslenker sichtbar bemüht gewesen, die Verantwortung für den Dammbruch dem Partner im Joint Venture in die Schuhe zu schieben. Erschwerend hinzu kommen weitere Umweltvergehen sowie eine mangelhafte Kommunikation und Kooperation mit der lokalen Bevölkerung, die nicht in diverse Projekte eingebunden worden war. Die Bedenken wurden vom Unternehmen offenbar auf die leichte Schulter genommen: „Vale kommunizierte in einer Weise, welche dem Schweregrad der adressierten Probleme nicht gerecht wurde – eine tiefergehende Analyse bestehender Konfliktfelder war nicht erkennbar. Fatalerweise, wie man heute weiß. Dass die Entscheidung seitens des Nachhaltigkeitsteams richtig war, zeigt die Katastrophe aus dem Januar. Folglich hat der anschließende Kursverfall in den nachhaltigen Portfolios keine Spuren hinterlassen.

Dialog aufrecht erhalten

Zu Ende erzählt ist die Geschichte damit aber nicht, schließlich legt Union Investment Wert auf den Dialog mit Unternehmen – unabhängig davon, ob aktive Positionen in den Fonds bestehen oder nicht. Anfang Februar wurde dementsprechend – wie vom ESG Committee beschlossen – ein Brief an das Management von Vale verfasst, auf den der Konzern mit einem Gesprächsangebot reagierte. Der Dialog mit dem Unternehmen trug indes nur bedingt Früchte. So hat es bislang offenbar weder eine nennenswerte Verbesserung im Risikomanagement der Dämme noch eine produktive Mitarbeit zur Prävention im Unternehmen selbst oder in entsprechenden Fachverbänden gegeben. Überdies verdichten sich die Anzeichen, dass Vale schon vor dem Bruch etwaige Mängel im Damm ahnte und einen möglichen Unfall somit möglicherweise fahrlässig in Kauf genommen hatte.

Der Dialog und die daraus hervorgehenden Analysen zeigen, dass strukturelle Unzulänglichkeiten mit ursächlich für den Dammbruch waren und seitdem keine hinreichenden Maßnahmen etabliert wurden, um für die Zukunft solche Ereignisse bestmöglich auszuschließen. Die Risiken überwiegen bei weitem, ein weiteres Investment in dem Titel ist aus Nachhaltigkeitsaspekten und Reputationsgründen nicht mehr vertretbar. Der Dammbruch stellt einen gravierenden Verstoß gegen die Prinzipien des UN Global Compact dar, welchen sich Union Investment verschrieben hat. In der Konsequenz dieser Einschätzung wurde der Emittent auf die unionweite Ausschluss-Liste gesetzt. Vale ist damit in allen Produkten ausgeschlossen, die aktiv von Union Investment gemanagt werden.

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
31. Mai 2019, soweit nicht anders angegeben.